INCLUDE_DATA

Archiv für August 2007

Die Idee des Messias im Judentum - Teil 1

Mittwoch, 29. August 2007

“Soll ich warten, bis der Maschiach kommt?” - so ein gern genutzter Spruch, wenn sich jemand wieder einmal Zeit lässt. Der Glaube an das Kommen des Messias ist ein zentraler Bestandteil des Judentums und war Anlass zur Entstehung des Christentums. Deren Erlöser wollten die Juden nicht als Maschiach (hebräisch Messias) akzeptieren. Warum eigentlich nicht?

Zuerst einmal die Grundinformationen: Obwohl das Kommen eines Maschiach selbst nicht in der Torah steht, enthält sie Hinweise auf das “Ende der Tage” (achareet ha yamim), das die Zeit des Maschiach sein wird; dass er kommen wird, wissen wir von den Propheten. Die Bezeichung selbst bedeutet nicht Erlöser, sondern “der Gesalbte”. Könige wurden früher gesalbt, bevor sie den Thorn bestiegen (siehe u.a. König David), und dies wird auch mit dem Maschiach geschehen. Die Idee eines Halbgittes, der uns von unseren Sünden erlöst, ist dem Judentum dabei völlig fremd, auch da es keine Erbsünde kennt.

Der Maschiach

Laut dem Prophet Jeremiah wird der Maschiach ein großer politischer Führer sein und von König David abstammen (Jeremia 23:5), daher wird er auch oft als “Maschiach ben David” (Sohn Davids) bezeichnet. Er wird in den Gesetzen des Judentums versiert sein und dessen Gebote halten (Isaja 11:2-5). Als charismatischer Anführer wird er andere inspirieren, seinem Beispiel zu folgen, und darüber hinaus auch ein guter Kriegsmann sein, der die Kriege Israels gewinnen wird. Doch mindestens genauso wichtig sind seine Fähigkeiten als Richter, der gerechte Urteile fällen wird (Jeremia 33:15). Das Wichtigste jedoch: Er wird bei alledem ein Mensch, kein G’tt oder Halbg’tt sein und auch nicht von ihm abstammen- nicht mehr als wir alle.

In jeder Generation wird ein Mensch geboren, der der Maschiach werden könnte. Ist die Zeit dafür gekommen, wird er es auch werden- stirbt die Person jedoch davor, war sie nicht der Maschiach. (Es existiert im Talmud noch eine zweite Meinung, nach der der Maschiach auch von den Toten kommen kann. Sie wird aber nicht als gültiges Gesetz angesehen, sondern eben nur als Meinung).

Wann er kommen?

Tja, wenn wir das wüssten… kaum eine Frage wird so heiß diskutiert wie diese. Seitdem Menschen wie Schabtai Zwi als falscher Maschiach auftraten, nimmt man von genauen Angaben in der Regel Abstand. In der Regel wird sein Kommen vom jüdischen Volk selbst abhängig gemacht. Hier einige Vorschläge:

Der Maschiach wird kommen, wenn

- Das ganze jüdische Volk einen ganzen Tag seine Sünden bereut
- es einen Schabbat einhält
- es zwei Schabbatot einhält
- eine Generation kommt, die völlig korrupt oder völlig unschuldig ist
- eine Generation kommt, die völlig die Hoffnung verloren hat
- die Jüngeren völlig den Respekt vor den Älteren verlieren.

Die Rabbinermafia- das Bild orthodoxer Juden in den Medien

Donnerstag, 16. August 2007

Nun erst bekam ich die Titelstory einer bekannten deutschen Zeitschrift in die Hand, die am 28.6.07 vorgab, sich unter dem Titel “Sex in Israel- Liebe in Zeiten der Gefahr” dem Liebesleben der Israelis anzunehmen. Nun, der Titel zeigt bereits, wie tiefgründig da geforscht wurde.

Zuerst einmal durften die Bilder nicht fehlen: Ein orthodoxes Brautpaar, das nach der Hochzeit auf dem Kingsize- Bed zum ersten Mal Händchen hält, direkt auf der nächsten Seite eindeutige Bilder aus einem russischen Nachtklub in Jaffa, sich küssende Frauen und ein Paar in Uniform sollen das ganze Spektrum Israels abdecken. Was jemanden, der die jüdisch- orthodoxe Welt kennt, jedoch wirklich schockiert, ist der Artikel selbst: So sei Jerusalem die Bastion der Jüdisch- Orthodoxen und Muslime, “dem Rabbi hörig die einen, dem Imam die anderen, und so fruchtbar alle beide, dass die Säkularen im Land (…) Platzangst kriegen.” Ja, Angst scheint die Autorin in der Tat vor Religiösen zu haben, und von Objektivität ist nicht mehr viel zu spüren. Die orthodoxen Frauen sitzen hinten im Bus, “lang berockte Wesen mit geschorenem Haar, schlecht sitzender Perücke und gesenktem Blick”, die Männer sind Machos mit Kippa, und alle folgen blind “den Rabbinern”, die jedwede Lust verbieten und keinem auch nur ein wenig Freiheit erlauben.

Da dieser Artikel derart viele Halbwahrheiten und Aussagen enthielt, die schlicht und einfach falsch sind, möchte ich hier auf die wichtigsten Punkte eingehen.

1. Im Text wird von einer Studie gesprochen, in der einige Frauen zugegeben hätten, der “Sex nach Plan (das Judentum verbietet jedweden körperlichen Kontakt zu Zeiten der Menstruation der Frau und etwa eine Woche danach) verleide ihnen den Spaß”. Es wird weder die Studie noch die Anzahl der Frauen erwähnt, die sich so geäußert haben. Unterschlagen wird dagegen eine Kinseystudie aus den sechziger Jahren des letzten Jahrtausends, die über mehrere jahre hinweg mit verschiedenen Gruppen geführt wurde und feststellte, dass religiöse Juden langfristig am meisten Sex von allen Gruppen hatten, obwohl sie erst später sexuell aktiv wurden.

2. Es wird ein Heiratsvermittler erwähnt, der 1000 Dollar für seine Dienste kassiert. Dies lässt einen falschen Eindruck entstehen: Alle Schadchanim, wie sie auf hebräisch genannt werden, die ich kenne, verlangen kein Geld für ihre Dienste- oft wird jedoch ein Obulus des Paares, das zusammengefunden hat, entrichtet, um die Unkosten (Telefonanrufe etc.) abzudecken. Dies wurde auch in einem britischen Artikel bestätigt:

www.davidrowan.com/2005/02/sunday-times-magazine-jewish.html

Ich habe keine Ahnung, wie die Autorin auf diese Summe kommt.

3. Es heißt: “Von Liebe steht wenig im Lehrplan der Rabbiner, von Lust kein Wort.” Auch dies trifft schlichtweg nicht zu: In der Ketubah, der Heiratsurkunde, ist festgelegt, dass der Ehemann seiner Frau auch Lust, hier bekannt als Onah, bereiten muss. Die Frau ist dazu nicht verpflichtet. Berühmt ist auch der Brief des gelehrten Nachmanides an seinen Sohn, in dem er ihm schildert, wie er sich seiner Frau nähern soll. Und in den Kursen vor de Ehe, die es für beide gibt, wird in der Regel sehr offen über Sex gesprochen. Das Judentum ist nicht prüde und war es nie- nur muss man mit dem eigenen Intimleben ja nicht hausieren gehen.

4. Es werden Chaya, eine Frau, die nur auf die Scheidung wartet, um säkulär leben zu können, und Menachem, ein Mann aus Bnei Brak, der als Kind missbraucht wurde, als Beispiele herangezogen. Dass beide sich nur negativ äußern, ist vorhersehbar. Natürlich gibt es diese Fälle, aber sie sind nicht repräsentativ und vermitteln dem Leser wiederum die Botschaft, dass sich die angeblich unterdrückte Sexualität “der Orthodoxen” oft in Missbrauch niederschlägt. Der “Durchschnittcharedi” bzw. Religiöse kommt im Artikel nicht zu Wort.

5. Und zu guter Letzt: Kaum eine religiöse Frau rasiert sich die Haare. Dies kommt nur bei bestimmten chassidischen Gruppen vor. Dies wird aber im Artikel nicht klar- mit den bekannten Folgen: So wurde mir schon oft nicht geglaubt, dass ich noch Haare auf dem Kopf habe. Einer Bekannten musste ich sie sogar zeigen. Ein typisches Beispiel dafür, dass fast alles geglaubt wird, sobald es nur in einer Zeitung steht.

Natürlich habe ich den obligatorischen Leserbrief geschrieben-sollte ich eine Antwort erhalten, werde ich das hier erwähnen.

Bis dahin Schabbat Schalom!

The war on Britain’s jews

Sonntag, 05. August 2007

Wer in London Zeitungen liest, stellt schnell fest, dass der Antisemitismus dort ansteigt. Mittlerweile hat die Polizei auf Druck der jüdischen Gemeinde hin eine eigene Hotline für antisemitische Attacken eingerichtet. Der britische Sender Channel 4 hat mit mehreren englischen Juden gesprochen- der kurze Film ist hier zu sehen:

http://www.channel4.com/watch_online/clips/best-of-documentaries.html

Wie gefaehrlich ist das Internet?

Freitag, 03. August 2007

In der neuen Ausgabe der Mishpacha, einer religioesen Zeitschrift, ist das Hauptthema in der englischsprachigen Ausgabe das Internet und seine Auswirkungen. Interessanterweise rueckt die dem ultrareligioesen (= charedischen) Spektrum nahestehende Publikation von der Idee, das Internet zu verbannen, ab und zieht Experten wie Rabbi Kelemen (Rabbi im bekannten Maechenseminar Neve Jerushalaim und Autor von “To kindle a soul”, das in den USA ein Beststeller wurde) zu Rate, die darauf hinweisen, dass das www lediglich ein Instrument ist. Eltern wird empfohlen, sich gut zu informieren und sich nicht auf die Sicherheitssoftware zu verlassen, die viele Kinder bereits umgehen koennen. Ohne Zweifel birgt diese Technologie viele Risiken- wer von uns ist nicht schon einmal beim Eingeben eines Suchbegriffs auf obskuren Seiten gelandet? Dennoch, so der Tenor des Artikels, ist es naiv zu glauben, man koenne das Internet aus dem religioesen Bereich verbannen- dafuer ist es zu wichtig geworden.

Zudem gibt es viele positive Aspekte: Menschen, wie weit entfernt von juedischem Gemeinden leben, koennen durch E-Mail und kostenlose Anrufe etwas ueber ihre Religion lernen, und juedisches Wissen ist praktisch ueberall verfuegbar.

Um die Sorge der juedischen Welt zu verstehen, muss man wissen, dass religioese Juden (wie auch viele religioese Nichtjuden) weitaus hoehere Ansprueche an das mediale Angebot stellen. So geht es nicht nur um einschlaegige Seiten; viele Kurzfilme, Comics und andere Angebote im Netz enthalten Botschaften, die kontraer zum juedischen Glauben stehen. Auf Societyseiten wird gelaestert was das Zeug haelt- fuer Juden ist das loschon hara, ueble Nachrede, oder rechilus, und streng verboten. Jemanden zum eigenen Vorteil betruegen? Nicht gerade das, was man seinen Kindern beibringen will. Auch Schulvideos, in denen Pruegeleien zur Unterhaltung gezeigt werden, werden abgelehnt.

Auch ist es aeusserst schwierig, all dies auszublenden und das Netz nur fuer E-Mails und recherche zu nutzen: Bitul sman, Zeitverschwendung, indem man sinnlos im Netz surft und von Link zu Link springt, ist ebenfalls ein Problem.

Die Antworten auf dieses Problem sind vielfaeltig und zeigen, dass man noch keine Richtung gefunden hat. So verbieten manche Jeschwiot die Nutzung des Internets komplett, waehrend andere es nur unter Aufsicht erlauben. Man darf gespannt sein, was sich in den naechsten Jahren daraus entwickelt.