
Heute ist kein schöner Tag. Nicht nur, weil es Bindfäden regnet. Der heutige Tag, laut dem jüdischen Kalender der 17. Tamuz, ist ein Fastentag- ein von vier im Judentum, die zur Erinnerung an die Zerstörung des Tempels abgehalten werden. An ihm wurde eine Bresche in die Mauer geschlagen, die Jerusalem umgab. Damit begann die physische Zerstörung des Tempels, zu dem der könig von Babylonien, Nebukadnezar, und seine Truppen nun Zugang hatten. Drei Wochen später, am 9. Aw, wurde das größte jüdische Heiligtum endgültig zerstört und bis heute nicht wieder aufgebaut- das kann erst geschehen, der der Maschiach kommt.
An diesem Tag geschahen aber noch andere schreckliche Dinge:
- Angesichts der Sünde des goldenen Kalbs zerbrach Mosche rabbeinu die ersten Gesetzestafeln, die er vom Berg Sinai herunterbrachte.
- Da es während der Belagerung des Tempels keine Möglichkeit mehr gab, die beiden Lämmer aufzutreiben, die für das ständige Opfer im Tempel notwendig waren, musste schließlich an diesem Tag die Opferung und damit auch der G’ttesdienst im Tempel eingestellt werden.
- An diesem Tag verbrannte Apostemos, ein der Vertreter des griechischen Königs Antiochus, die Torah. Er hatte erkannt, dass die Stärke des Volkes Israel in seinem geistigen Erbe liegt, und wollte dieses zerstören. So wurde das Verbrennen der Torahrollen zum Symbol für die Absicht, das Volk zu vernichten. Diese Tat war ein wichtiger Grund für den Aufstand der Hasmonäer.
- An diesem Tag wurde ein Götzenbild im Tempel aufgestellt. Wer dies veranlasste, ist nicht eindeutig- einer Meinung nach zufolge war es der erwähnte Apostemos, einer anderen, die auf den Jerusalemer Talmud zurückgeht (es gibt sowohl den Babylonischen als auch den Jerusalemer Talmud, wir richten uns in der Regel nach dem Babylonischen) war es ausgerechnet der König von Juda, Manasse, der als blutrünstig berüchtigt war und dem Götzendienst anhing.
Eigentlich sollte Manasse nicht geboren werden- sein Vater, Hiskijas, der einer der besten Könige Judas war, wusste, dass seine Kinder das Volk in große Probleme stürzen würden. Daher wollte er keine Familie gründen. Der Prophet Jesaia aber überzeugte ihn-mit den uns bekannten Folgen. Manasse selbst bereute seine Untaten schließlich und G’tt vergab ihm.
Doch zurück zum Thema: Heute wird also weder gegessen noch getrunken. Im Morgengebet werden bestimmte Slichot (Bußgebete) gesagt und das Gebet “Awinu Malkeinu” (Unser Vater, unser König) gesprochen. Dann wird der Abschnitt aus der Torah, der auf die Sünde des Goldenen Kalbs folgt und in dem Mosche versucht, HaShem zu besänftigen, gelesen. Im Gegensatz zu anderen Fastentagen gibt es darüber hinaus keine besonderen Vorschriften. da heute die drei Wochen beginnen (dazu später), geht man ab heute nicht aus, um sich zu amüsieren, und kauft auch keine neue Kleidung oder zieht um- alles aus dem Grund, um den Verlust des Tempels besser nachempfinden zu können. Ich werde versuchen, in den kommenden drei Wochen soviele Informationen wie möglich in den Blog zu stellen.